Kirche am Ort - Kirche an vielen Ort

Unter dieser Überschrift setzte die Diözese 2015 einen Entwicklungsprozess in Gang, an dem sich nach Möglichkeit alle Seelsorgeeinheiten vor Ort beteiligen sollen. Es geht darum, dass die einzelnen Gemeinden in einem weitgehend säkularen Umfeld bei veränderten inneren und äußeren Rahmenbedingungen ihren Weg finden, die Botschaft Jesu zu verkünden. Auch wir haben uns auf den Weg gemacht:
- indem wir eine Projektgruppe installiert haben, die den Prozess initiieren, moderieren und strukturieren soll
- indem wir eine Gemeindeumfrage an den Beginn des Prozesses gestellt haben, weil wir von an Anfang deutlich machen wollten, dass jeder/jede, der/die sich der Gemeinde verbunden fühlt, eingeladen ist, am Prozess mitzuwirken
-indem wir alle Schritte, die die Projektgruppe entwickelt, auf einer Gemeindeversammlung zur Diskussion stellen
- indem wir die leitenden Ideen, immer wieder z.B. in Gottesdiensten oder Gemeindebriefen vorstellen.

Auswertung der Gemeindeumfrage

Nimmt man die Gottesdienstbesucher als Maßstab, so ist der Rücklauf der Fragebögen statistisch relevant und entsprach den Erwartungen. Das heißt, dass wir ein aussagekräftiges Ergebnis haben. Allen, die sich die Zeit genommen und einen Fragebogen ausgefüllt haben, sei recht herzlich gedankt. Die Auswertung spiegelt die Vielfalt an Glaubensformen und -haltungen sowie Erwartungen an ein Gemeindeleben wider.
Wir haben den Fragebogen überschrieben mit: Ihre Meinung zählt und ist uns wichtig. Das heißt, wir werden versuchen, mit den Ergebnissen der Umfrage so weiterzugehen, dass diese Vielfalt im Leben der Gemeinde auch zur Geltung kommen kann, so wie Paulus an die Gemeinde von Korinth schreibt: "Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt" (1. Kor 12, 4 - 7).
Wenn wir in diesem Sinne uns weiter auf den Weg machen, dann wird es ein guter Weg.

Wie ging es weiter, wie wird es weitergehen? Erste Auswertungsgespräche fanden im Pastoralteam und in der Projektgruppe (Mitglieder: Rita Schneider, Franziska Leichtle, Anja Blum, Andreas Heinz, Peter Juszik, Andreas Simon, Eberhard Schneider, Anton Stadlmeier) statt . Dabei wurden folgende Punkte fokussiert:
- das große Interesse an Spiritualität/Glaubenskurs (zusammen 26)
- der Wunsch nach unterschiedlichen Gottesdienstformen
- der Wunsch, Gemeinschaft zu erleben
- das Interesse von 12 Gemeindemitgliedern an einer Mitarbeit und von 20, die sich vorstellen können, sich einmal näher zu informieren.
Der Kirchengemeinderat besprach die Ergebnisse nach dem Redaktionsschluss des Gemeindebriefes in seiner Sitzung am 9. Mai. Die Projektgruppe wird auf ihrer nächsten Sitzung am 12. Juni den Diskussionsstand so zusammenfassen, dass sich konkrete Schritte der Weiterentwicklung ergeben, die dann auf der Gemeindeversammlung am 2. Juli vorgestellt und diskutiert werden. 

Den Untergang verwalten oder den Übergang gestalten (P.M. Zulehner) - Rückblick auf die 1. Gemeindeversammlung am 2.7.2017

Diakon Stadlmeier führte mit einem Impulsreferat in die Aufgabe ein. Er legte dar, dass sich die Gestalt der Kirche, so wie sie uns vertraut ist, seit mindestens drei Jahrzehnten am sich verändern ist. Äußere Zeichen dieses Veränderungsprozesses sind: der Mangel an hauptamtlichem Personal, nicht nur bei den Priestern; der rückläufige Kirchenbesuch; der Verlust der kulturprägenden Gestalt des Christentums (zuletzt die Einführung der sogenannten Ehe für alle). Die Reaktion der Bischöfe auf diese Entwicklung war lange Zeit die Schaffung immer größerer pastoraler Einheiten, was in der Folge nur noch zu einer weiteren gesellschaftlichen Verdunstung des Glaubens geführt hat. Viele Diözesen haben nun mit längerfristigen Prozessen der Gemeinde- und Kirchenerneuerung begonnen. In unserer Diözese läuft dieser Prozess unter dem Leitgedanken Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten.
Ausgehend von Überlegungen des früheren Regens des Priesterseminars in Hildesheim, Christian Hennecke, zeigte Herr Stadlmeier auf, dass dieser Prozess vor allem ein geistlicher ist, der verbunden ist mit einer Veränderung von Kirchenbildern, die uns prägen. Die meisten von uns sind groß geworden mit dem Bild einer versorgenden Gemeinde, in der die Priester bzw. die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter pastorale Dienstleistungen erbringen, in der die Priester der „Hirte“ und die Laien die „Schafe“ sind, und in denen die Mitarbeit von Laien möglich aber nicht konstitutiv für das Gemeindeleben ist. In der Folge des Vatikanum II änderte sich dieses Bild von Kirche hin zu einer aufgabenorientierten Gemeinde, in der es gilt, bestimmte Aufgaben zu erledigen, für die die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Verantwortung tragen und bei deren Erledigung sie von Ehrenamtlichen unterstützt werden. Dies ist die klassische Form des Ehrenamtes. Beide Gemeindekonzepte sind durch den Mangel an hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern zum Teil jetzt schon, sicher aber auf die Dauer nicht mehr tragfähig. Die Entwicklung geht in Richtung einer gabenorientierten Gemeinde. Nicht mehr die Aufgaben bestimmen die Tätigkeit der Gemeinde sondern die Gaben, die sich in ihr finden. Was mit Gabenorientierung gemeint ist, bringt eines der Chorfenster in St. Bernhard ins Bild, nämlich das Bild vom ANONYMUS BEATUS JOGULATOR, was heißt: namenloser seliger Gaukler. Von ihm berichtet eine französische Chronik des 13. Jahrhunderts: Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er alle seine Habe hin und trat in das Kloster zu Clairvaux ein. Aber weil er sein Leben bis dahin mit Springen und Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalter zu singen. So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie jedermann des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit im Chor die Messe sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts. "Was tu ich hier?" sprach er zu sich, "ich weiß nicht zu beten und kann mein Wort nicht machen. Ich bin hier unnütz und der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete." In seinem Gram flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle. "Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche", sagte er vor sich hin, "so will ich doch tun, was ich kann." Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand da in seinem bunten Röckchen, in dem er als Gaukler umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen, vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben. Wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauert, er tanzt ununterbrochen, bis es ihm den Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen. Ein Mönch war ihm aber gefolgt und hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mitangesehen und heimlich den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen. Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen gestraft werden. Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: "Ich weiß, Herr, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld die Unrast der Straße wieder ertragen." Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn und bat ihn, für ihn und alle Mönche bei Gott einzustehen: "In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er alle wohlfeilen Worte verzeihen, die über die Lippen kommen, ohne das unser Herz sie sendet."
Auch in einer gabenorientierten Gemeinde bildet die gottesdienstliche Versammlung die Mitte des Gemeindelebens. Kirche entsteht ausgehend von den Gaben an verschiedenen Orten, überall dort wo Christen im Namen Gottes leben und wirken. Die Rolle der Hauptamtlichen verändert sich: ihre Aufgabe ist Moderation und Begleitung, sowie Einladung an die Gemeindemitglieder, das Leben in der Gemeinde zu gestalten.
Auch eine gabenorientierte Gemeinde hat ihre Vorgaben, nämlich die Elemente ihres Selbstvollzuges in der Feier der Liturgie, der Bildung von Gemeinschaft, der Verkündigung und der Caritas. Denn nur wenn diese Elemente gegeben sind, ist die Vollgestalt kirchlicher Gemeinde gegeben.
Wie die Gestalt unserer Seelsorgeeinheit in ein paar Jahren aussehen wird, lässt sich heute nicht sagen. Der Weg, den wir gehen, ist vergleichbar dem Weg, den das Volk Israel durch die Wüste gehen musste, um ins gelobte Land zu gelangen. Wichtig ist für uns unterwegs zu bleiben. Die Gemeindeversammlung war eine Etappe eines langen Weges. Wir sind derzeit in der Situation betend zu suchen und zu fragen und miteinander ins Gespräch zu kommen. So teilten wir uns nach dem Impuls in vier Kleingruppen ein, wo wir über folgende Fragen sprachen:
- Was bedeutet es für mich, heute Christ zu sein?
- Was ist meine Rolle in der Gemeinde?
- Blickwechsel: Was muss sein? Was kann sein? Was dürfen wir lassen?
In den Kleingruppen wurde engagiert, zum Teil auch kontrovers diskutiert, dabei aber immer das Verbindende betont. Die Teilnehmerin einer Kleingruppe äußerte am Ende: „das Beste, was mir von der Kirche seit langem geboten wurde, ist dieses Gespräch.“
Die Gemeindeversammlung klang mit einem gemeinsamen Mittagessen aus.
Die Projektgruppe wird mit den Ergebnissen, Anregungen und den kritischen Anmerkungen den Prozess nach der Sommerpause weiter moderieren.

Unser Weg - Rückblick auf die Gemeindeversammlung am 4.3.2018

Die Gemeindeversammlung begann mit einer Messfeier. Die Predigt legte die Erzählung der Berufung des Samuel (1 Sam 3,1 – 21) aus und stellte dabei das Thema Berufung in den Mittelpunkt. Taufe und Firmung sind Berufungssakramente, d. h., jeder Getaufte und Gefirmte empfängt von Gott in diesen Sakramenten seine ganz eigene Berufung, wie er mit den ihm gegebenen Begabungen und Talenten für das Reich Gottes in der Welt wirken kann. Gemeinde wäre dann der Ort, in dem diese Begabungen und Talente, in dem man einander zuhört, entdeckt und dann im Vertrauen, dass es der Ruf Gottes ist, gefördert werden.

Im Anschluss an der Gottesdienst fand im Gemeindehaus die Versammlung statt. Die Projektgruppe Gemeindeentwicklung informierte zunächst darüber, was aus den Vorgaben der letzten Gemeindeversammlung vor einem halben Jahr umgesetzt wurde. I.e. waren dies: - die Durchführung eines Glaubenskurses und von Exerzitien im Alltag;
- in der Jahresplanung wurden unterschiedliche Gottesdienstformen aufgenommen wurden (z. B. Jugendgottesdienst, gestaltet von den Firmlingen; Stadtpilgern; Gottesdienste musikalisch gestaltet mit gregorianischen Chorälen oder Gospel; Gottesdienst, thematisch gestaltet vom Besuchsdienst u.a.m.),
- die Auflösung einer einseitigen Komm-Struktur, indem wir als Kirche mit verschiedenen Angeboten am „Platz der Kirchen“ im Kurpark präsent sein werden.

Im zweiten Teil der Versammlung haben wir uns mit der Idee der Gemeindeequipen auseinandergesetzt, wie sie im Erzbistum Poitiers (Frankreich) und in der Pfarrei St. Petrus in Bonn entwickelt und umgesetzt wurde.
Die leitenden Anliegen dieses Konzeptes sind:
- Wie und wo wird Kirche heute erkennbar, welches Gesicht wird sie haben, wenn sie sich von der Wirkmächtigkeit des Evangeliums in Dienst nehmen lässt?
- Wo sieht diese Kirche ihren Ort, wie findet und versteht sie ihre Verantwortung in der heutigen Gesellschaft?
- Wer sind die Träger der Pastoral dieser Kirche? In welchem Verhältnis stehen sie mit ihren verschiedenen Charismen und Verantwortlichkeiten zueinander?
- Welche Strukturen braucht diese Kirche heute, um ihre Sendung zu verwirklichen?
Die leitende Fragestellung ist also: welche Aufgabe haben wir als Kirche vor Ort und wie können wir diese realisieren, damit wir das leben, wozu uns Gott berufen hat? Erst aus der Antwort auf diese Frage, werden dann strukturelle Fragen relevant. Das ist ein anderer Ansatz als der, den die Kirchenleitungen bislang de facto verfolgen, die vorrangig danach fragen, wie man mit dem gegebenen hauptamtlichen Personal kirchliche Strukturen aufrechterhalten kann.
Das Konzept beruht auf folgenden theologischen Grundlagen:
- Kultur des Rufens: Gott hat uns - sakramental bekräftigt in Taufe und Firmung – ins Leben geliebt und gerufen. Damit ist unser ganzes Leben Antwort auf Gottes Rufen, dass wir an seinem Reich mitbauen und mitwirken mögen mit den ganz unterschiedlichen Talenten und Begabungen, die uns Gott gegeben hat. Diese gilt es in der Gemeinde wahrzunehmen und zu (be-)rufen.
- Kultur des Vertrauens: Damit Begabungen (Charismen) eines Menschen wachsen können, muss in sie Vertrauen gesetzt werden. Für die in den Gemeinden Verantwortlichen heißt dies, der Versuchung zu widerstehen zu kontrollieren und sich einzuüben in ein Loslassen. Im Vertrauen auf die Begabungen entsteht Gemeinde. Gemeinde lässt sich nicht am „grünen Tisch“ machen.
- von der Volkskirche zur Kirche des Volkes: Die Volkskirche, eine hierarchisch geordnete Kirche, der ein Großteil einer „Volksgemeinschaft“ angehört, gibt es nicht mehr. Das zweite Vatikanische Konzil hat mit seinem Verständnis von Kirche als Volk Gottes und der Betonung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen den weg bereitet zu einer Kirche des Volkes. In einer Kirche des Volkes des Volkes sind alle Gläubigen berufen, „Akteure des Evangeliums“ zu sein. Die Priester üben in diesem Volk ein „Dienstamt“ aus, dessen Aufgabe es es, die Gläubigen zu rufen und zu befähigen, „Akteure des Evangeliums“ zu werden und zu sein.
- Gemeinde inkarniert sich: Eine Gemeinde ist nicht für sich selber da, sondern für die Verkündigung des Evangeliums in einer Sprache und in einem Handeln, die die Menschen am Ort verstehen können. Papst Franziskus schreibt: „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbehauptung dient“.
Ausgehend von diesen Anliegen und Grundlagen haben sich in Poitiers und Bonn Strukturen herausgebildet, die auch uns als Orientierung dienen können: In den einzelnen Teilgemeinden bilden sich Leitungsequipen (-teams), die aus einem Moderator und vier Beauftragten für die gemeindlichen Aufgaben bestehen. Diese sind: Begegnung und Gastfreundschaft - Solidarität und Nächstenliebe Glaubenszeugnis und GlaubensvertiefungGebet und Glauben feiern. Die Mitglieder einer Equipe können sich entweder selber für die Aufgabe vorschlagen oder werden von Gemeindemitgliedern vorgeschlagen und dann vom Kirchengemeinderat berufen für eine „Amtszeit“ von drei Jahren. Nur die Moderatoren gehören dem Kirchengemeinderat an. Manche Aufgaben (wie z. B. die Sakramentenkatechese) verbleiben auf der Ebene der Seelsorgeeinheit, aber ansonsten haben die Gemeinden die Möglichkeit und die Chance entsprechend ihrer Begabungen eigene Schwerpunkte zu bilden und damit ein eigenes Profil zu gewinnen. Der Pfarrer oder ein von ihm beauftragter hauptamtlicher Mitarbeiter hat die Aufgabe, die Equipen zu begleiten und zu unterstützen.

Auf der Gemeindeversammlung wurden keine Entscheidungen getroffen. Sie diente in erster Linie dazu, die Konzeptidee vorzustellen und Rückmeldungen dazu einzuholen. Es ist nun die weitere Aufgabe der Projektgruppe, das Konzept entsprechend der Gegebenheiten an unseren Orten weiter zu konkretisieren.