Den Untergang verwalten oder den Übergang gestalten (P. M. Zulehner)

Mit einem Gottesdienst in St. Bernhard begann am 2.7. unsere Gemeindeversammlung. Anschließend trafen sich ca. 40 Gemeindemitglieder, um sich Gedanken zu machen über den zukünftigen Weg unserer Seelsorgeeinheit.

ANONYMUS BEATUS JOGULATOR- namenloser seliger Gaukler.

Ergebnisse aus einer Kleingruppe

Diakon Stadlmeier führte mit einem Impulsreferat in die Aufgabe ein. Er legte dar, dass sich die Gestalt der Kirche, so wie sie uns vertraut ist, seit mindestens drei Jahrzehnten am sich verändern ist. Äußere Zeichen dieses Veränderungsprozesses sind: der Mangel an hauptamtlichem Personal, nicht nur bei den Priestern; der rückläufige Kirchenbesuch; der Verlust der kulturprägenden Gestalt des Christentums (zuletzt die Einführung der sogenannten Ehe für alle). Die Reaktion der Bischöfe auf diese Entwicklung war lange Zeit die Schaffung immer größerer pastoraler Einheiten, was in der Folge nur noch zu einer weiteren gesellschaftlichen Verdunstung des Glaubens geführt hat. Viele Diözesen haben nun mit längerfristigen Prozessen der Gemeinde- und Kirchenerneuerung begonnen. In unserer Diözese läuft dieser Prozess unter dem Leitgedanken Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten.
Ausgehend von Überlegungen des früheren Regens des Priesterseminars in Hildesheim, Christian Hennecke, zeigte Herr Stadlmeier auf, dass dieser Prozess vor allem ein geistlicher ist, der verbunden ist mit einer Veränderung von Kirchenbildern, die uns prägen. Die meisten von uns sind groß geworden mit dem Bild einer versorgenden Gemeinde, in der die Priester bzw. die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter pastorale Dienstleistungen erbringen, in der die Priester der „Hirte“ und die Laien die „Schafe“ sind, und in denen die Mitarbeit von Laien möglich aber nicht konstitutiv für das Gemeindeleben ist. In der Folge des Vatikanum II änderte sich dieses Bild von Kirche hin zu einer aufgabenorientierten Gemeinde, in der es gilt, bestimmte Aufgaben zu erledigen, für die die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Verantwortung tragen und bei deren Erledigung sie von Ehrenamtlichen unterstützt werden. Dies ist die klassische Form des Ehrenamtes. Beide Gemeindekonzepte sind durch den Mangel an hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern zum Teil jetzt schon, sicher aber auf die Dauer nicht mehr tragfähig. Die Entwicklung geht in Richtung einer gabenorientierten Gemeinde. Nicht mehr die Aufgaben bestimmen die Tätigkeit der Gemeinde sondern die Gaben, die sich in ihr finden. Was mit Gabenorientierung gemeint ist, bringt eines der Chorfenster in St. Bernhard ins Bild, nämlich das Bild vom ANONYMUS BEATUS JOGULATOR, was heißt: namenloser seliger Gaukler. Von ihm berichtet eine französische Chronik des 13. Jahrhunderts: Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er alle seine Habe hin und trat in das Kloster zu Clairvaux ein. Aber weil er sein Leben bis dahin mit Springen und Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalter zu singen. So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie jedermann des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit im Chor die Messe sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts. "Was tu ich hier?" sprach er zu sich, "ich weiß nicht zu beten und kann mein Wort nicht machen. Ich bin hier unnütz und der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete." In seinem Gram flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle. "Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche", sagte er vor sich hin, "so will ich doch tun, was ich kann." Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand da in seinem bunten Röckchen, in dem er als Gaukler umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen, vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben. Wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauert, er tanzt ununterbrochen, bis es ihm den Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen. Ein Mönch war ihm aber gefolgt und hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mitangesehen und heimlich den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen. Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen gestraft werden. Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: "Ich weiß, Herr, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld die Unrast der Straße wieder ertragen." Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn und bat ihn, für ihn und alle Mönche bei Gott einzustehen: "In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er alle wohlfeilen Worte verzeihen, die über die Lippen kommen, ohne das unser Herz sie sendet."
Auch in einer gabenorientierten Gemeinde bildet die gottesdienstliche Versammlung die Mitte des Gemeindelebens. Kirche entsteht ausgehend von den Gaben an verschiedenen Orten, überall dort wo Christen im Namen Gottes leben und wirken. Die Rolle der Hauptamtlichen verändert sich: ihre Aufgabe ist Moderation und Begleitung, sowie Einladung an die Gemeindemitglieder, das Leben in der Gemeinde zu gestalten.
Auch eine gabenorientierte Gemeinde hat ihre Vorgaben, nämlich die Elemente ihres Selbstvollzuges in der Feier der Liturgie, der Bildung von Gemeinschaft, der Verkündigung und der Caritas. Denn nur wenn diese Elemente gegeben sind, ist die Vollgestalt kirchlicher Gemeinde gegeben.
Wie die Gestalt unserer Seelsorgeeinheit in ein paar Jahren aussehen wird, lässt sich heute nicht sagen. Der Weg, den wir gehen, ist vergleichbar dem Weg, den das Volk Israel durch die Wüste gehen musste, um ins gelobte Land zu gelangen. Wichtig ist für uns unterwegs zu bleiben. Die Gemeindeversammlung war eine Etappe eines langen Weges. Wir sind derzeit in der Situation betend zu suchen und zu fragen und miteinander ins Gespräch zu kommen. So teilten wir uns nach dem Impuls in vier Kleingruppen ein, wo wir über folgende Fragen sprachen:
- Was bedeutet es für mich, heute Christ zu sein?
- Was ist meine Rolle in der Gemeinde?
- Blickwechsel: Was muss sein? Was kann sein? Was dürfen wir lassen?
In den Kleingruppen wurde engagiert, zum Teil auch kontrovers diskutiert, dabei aber immer das Verbindende betont. Die Teilnehmerin einer Kleingruppe äußerte am Ende: „das Beste, was mir von der Kirche seit langem geboten wurde, ist dieses Gespräch.“
Die Gemeindeversammlung klang mit einem gemeinsamen Mittagessen aus.
Die Projektgruppe wird mit den Ergebnissen, Anregungen und den kritischen Anmerkungen den Prozess nach der Sommerpause weiter moderieren.